26.07.2021

Unter anderen Vorzeichen

Erstmals nach ihrer aktiven Karriere sitzt Hammerwerferin Kathrin Klaas vor dem Fernseher und drückt die Daumen, statt bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Ein Gastbeitrag.

Die Ringe sind das Symbol der Spiele. Viele Athletinnen und Athleten, die es zu den Spielen geschafft haben, tragen dieses Symbol als Schmuck an ihrem Körper oder sogar als Tattoo unter der Haut. Bei mir ist das noch nicht der Fall, aber ich überlege schon länger und natürlich in diesen letzten Tagen rund um die Spiele der XXXII. Olympiade wieder öfter, ob – oder besser: wie schnell – ich dieses Versäumnis nachholen sollte.

Die Olympischen Spiele Tokio 2020 – ja, sie firmieren weiterhin unter dieser Bezeichnung – wurden vergangene Woche, im Jahr 2021, eröffnet. Und ein fünf Jahre dauernder Olympiazyklus ist damit auf der Zielgeraden. Für manche ein Glück, weil sie rechtzeitig fit wurden nach Verletzungen oder Babypausen, für manche zu spät, weil sie ihr Karriereende für das Jahr 2020 geplant hatten.

Wenn Träume wahr werden – oder platzen

Das Erlebnis Olympia ist Individual- wie Kollektiverfahrung gleichermaßen. Es ist mitreißend, es ist einzigartig, es ist magisch. Es ist aber auch geprägt von Kommerz, immer wieder zurecht Gegenstand kritischer Berichterstattung und wird mitunter begleitet von heftigen Protesten. Es sind Bahnen und Felder, Becken, Strecken und Plätze, in und auf denen Träume wahr werden oder platzen. Es ist ein Zusammenspiel aus sportlicher Leistung, über sich hinauswachsende Athletinnen und Athleten und – zweifelsohne – denjenigen, die in überschwänglicher Begeisterung, mit lautem Jubel oder in stiller Spannung diesen Momenten beiwohnen: den Zuschauerinnen und Zuschauern.

Ich war als Athletin bei den letzten drei Olympischen Spielen Teil der Deutschen Mannschaft. Ich habe in Peking 2008, in London 2012 und Rio de Janeiro 2016 die Magie der Ringe erlebt. Und bei sieben Welt- und fünf Europameisterschaften, bei denen ich ebenfalls an den Start gegangen bin, hat sich nie das gleiche Gefühl eingestellt, wie in der Vorbereitung auf und während der Olympischen Spiele. Die drei Gastgeberländer und Austragungsorte könnten jeweils unterschiedlicher nicht sein. Sie hatten jedoch eines gemeinsam: die Geräuschkulisse einer Menschenmenge, deren Vibration man in den Katakomben des Stadions wahrnimmt, noch bevor man sie sieht. Danach kam für mich auf dem Weg durch das Leichtathletik-Stadion zu meiner Wettkampfstätte noch der Pfiff meiner Mutter von den Rängen hinzu, bei dem ich sicher bin, dass er auch von nahezu allen Menschen im Stadion wahrgenommen werden konnte. Während Letzteres ausbleibt, weil ich in Tokio nicht in ein Stadion einlaufen werde, wird ersteres fehlen, weil pandemiebe- dingt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kein Publikum im Stadion zugelassen ist.

Zwischen offenen Fragen und Dankbarkeit

Es häufen sich mittlerweile die Nachrichten zu positiv getesteten Teilnehmerinnen oder Teilnehmern. Die Frage, wie sicher und mit welchen Folgen Olympische Spiele unter den Bedingungen einer weltweiten Pandemie durchgeführt werden können, vermag noch niemand zu beantworten. Die öffentliche Debatte dazu in den letzten Monaten, geprägt auch unter den Eindrücken der UEFA Euro 2020 – in 2021, hatte viele Facetten und hat ebenso viele Frage aufgeworfen. Erleben wir in Tokio möglicherweise ein zweites Super-Spreader-Sportevent? Welche Chancengleichheit besteht nach monatelangen, pandemiebedingt unklaren Verhältnissen bei der Durchführung von Anti-Doping-Tests weltweit? Sollten Athletinnen und Athleten ein Vorrecht auf eine Impfung gegen Covid19 (gehabt) haben? Erhöhten sie durch die Bevorzugung die Ansteckungsgefahr bedürftigerer Personen? Ist es deswegen schlecht als Athletinnen oder Athleten die eigene Perspektive in den öffentlichen Diskurs einzubringen als noch zu wenig Impfstoff verfügbar war? Oder ist es auch eine Frage, die über 2021 hinausgeht, weil niemand abschätzen kann, welche Folgen Long-Covid für die Leistungssportkarriere bedeuten?

Zwei Herzen schlugen und schlagen zu diesen und weiteren Fragen in meiner Brust und vermutlich lässt sich auf keine eine eindeutige Antwort finden. Für mich steht fest: Ich bin dankbar für die Olympischen Spiele, die ich erleben durfte. In Peking 2008 war ich noch überwältigt von der schieren Größe des Events. Die Eindrücke haben mich damals eher gehemmt als beflügelt. Vier Jahre später, sechs Wochen vor London 2012 stürzte ich bei einem Wettkampf in der USA in der vierten Drehung kurz vor dem Abwurf, bei einer ungefähren Abwurfgeschwindigkeit von 100 km/h. Danach kämpfte ich bis wenige Tage vor meinem Wettkampf in London mit den Folgen des Sturzes. Mein Glück war ein Physiotherapeut, der mir mit den Worten: „Jetzt haben wir vier Jahre daran gearbeitet, dich genau hier her zu bringen, wir hören jetzt nicht vor dem Wettkampf auf“ nicht mehr von der Seite wich und mich sogar zwischen den Trainingswürfen behandelte. Ihm, Norbert Müller, und dem Arzt des Deutschen Leichtathletik Verbands, Andrew Lichtenthal habe ich es zu verdanken, dass ich letztlich beschwerdefrei und selbstsicher in den Londoner Ring treten konnte.

Gesundheitliche Hindernisse

Rio de Janeiro 2016, weitere vier Jahre später, stand für mich leider unter keinem guten Stern. Hatte ich bis April des Jahres die beste Saisonvorbereitung meiner Karriere absolviert, lief kurz vor Beginn der Wettkampfphase im Mai 2016 nichts mehr nach Plan. Mein Steckenpferd, die Beschleunigung, der Antrieb aus dem rechten Bein, lahmte. Bis zuletzt hatte ich damals gekämpft, weil ich den Traum nicht aufgeben wollte. Weil man Träume einfach nicht gerne aufgibt. Auch hier war mein medizinisches Team wieder an meiner Seite, aber das Problem war nicht greifbar. Erst nach Ende der Saison 2016 bekam ich die Diagnose: Leistenbruch. Mein Körper hatte einen ganzen Sommer lang die Belastungen in Wurf- und Krafttraining mit erhöhtem Muskeltonuns auf Kosten der Schnellkraft kompensiert. Bei den Europameisterschaften und den Olympischen Spielen trat ich dennoch an, weil ich mich qualifiziert hatte und weil es im Training auch immer wieder einmal Lichtblicke auf das eigentliche Leistungsniveau gegeben hatte.

Der Fokus der aktuellen Berichterstattung liegt aktuell auf der Tatsache, dass nichts so sein wird, wie es eigentlich sein sollte, wie es sein müsste, wie bisher immer war. Die Spiele wir sie kennen unter völlig anderen Vorzeichen. Am Rande sei jedoch auch der Gedanke erlaubt, dass es für die Rookie-Athletinnen und -Athleten, diejenigen, die sich erstmals qualifiziert haben, vielleicht auch ein entspannterer Einstieg auf der Bühne der Großen ist. Eine Möglichkeit zu lernen, Erfahrungen im und neben dem Wettkampf zu sammeln, um für Paris 2024 gewappnet zu sein.

Bornheim statt Olympisches Dorf

Tokio 2020 in 2021 werde ich wie seinerzeit Athen 2004 vor dem TV verfolgen – notgedrungen werden es auch alle anderen, die als Unterstützung ihrer Angehörigen, Freundinnen und Freunde geplant hatten, vor Ort zu sein. Ziemlich sicher wird auch kein Pfiff einer Mutter den Einlauf ihres Kindes in ein Stadion begleiten.

Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie es sich vor dem TV anfühlen wird. Eines weiß ich aber sicher: Ich werde für unsere Eintracht-Adlerträgerinnen und -träger die Daumen drücken, bei ihren Wettkämpfen mitfiebern und vielleicht pfeife ich dann einfach aus dem Fenster in Bornheim.

Liebe Katharina, liebe Caro, liebe Letícia,
lieber Joshua, lieber Amos, lieber Luke und lieber Ragnar,
alles Gute, bleibt gesund und viel Erfolg!

Kathrin Klaas

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