13.10.2020

Von der Tartan- auf die Bobbahn

Seit sechs Jahren tritt Georg Fleischhauer als Athlet der LG Eintracht Frankfurt bei Leichtathletikwettkämpfen an. Zur Wintersaison 2019/20 tauschte er die Spikes gegen Nagelschuhe.

Zwei Dutzend schneller und kraftvoller Schritte, ein gezielter Sprung in die Sitzposition und dann auf weit über 100 km/h beschleunigen – der Bobsport verlangt von seinen Athleten Perfektion in unterschiedlichster Weise ab. Seit Mitte September 2019 arbeitet auch Georg Fleischhauer akribisch daran, diesen Ablauf zu verinnerlichen und sich Fahrt für Fahrt zu verbessern. „Ich habe durch meinen ehemaligen Trainingspartner Martin Grothkopp, der 2013 in den Bobsport wechselte und körperlich ähnliche Voraussetzungen hat wie ich, schon länger auf den Sport geschielt“, so Fleischhauer. „Im September des vergangenen Jahres erhielt ich dann von Bob-Bundestrainer Gerhard Leopold einen Anruf. Er erkundigte sich, ob ich Interesse daran hätte, mich im Eiskanal zu versuchen.“

Der gebürtige Halberstädter überlegte schon einige Jahre zuvor, ob er nicht zu Ähnlichem imstande wäre wie Grothkopp, der nach seinem Umstieg aufs Bobfahren schon vier Weltmeisterschaften und einmal olympisches Gold einfahren konnte. So nahm Fleischhauer die Chance wahr, probierte sich als Anschieber aus und fuhr in seinem ersten Training direkt so gute Zeiten ein, dass der Bundestrainer ihn in ein Team für die Wintersaison 2019/20 einteilte. Zusammen mit seinem Partner und Piloten Maximilian Illmann nahm Fleischhauer am 9. November 2019 an den Deutschen Meisterschaften im Zweierbob teil. Das neu zusammengestellte Duo wurde bei seinem Debütauftritt auf Anhieb Vierter.

Ich war überrascht, was die Eintracht für eine sportübergreifende Familie ist."

Georg Fleischhauer

Nach einem Qualifikationswettkampf für den Europe Cup ging es zwei Wochen nach ihrem Debüt ins norwegische Lillehammer. 1:45.19 Minuten stand am Ende des Eistunnels für Fleischhauer und Illmann auf der Anzeige – eine Zeit, die für den ersten Platz reichte. In der Folge setzten sich die beiden auch bei ihren anschließenden europäischen Wettkämpfen weiter gut durch und sicherten in sieben Rennen sieben Top-10-Platzierungen. „Die Saison verlief für Max und mich sehr gut, auch wenn wir nach dem Erfolg im ersten Rennen leider keinen weiteren Sieg einfahren konnten“, so Fleischhauer. „Als Saisonabschluss durften wir dann bei der Weltmeisterschaft in Altenberg als Spurschlitten vor der Spitze der Welt in den Eiskanal.“

In Spikes schnell, im Bob noch schneller

Schon seine Zeit als Leichtathlet war von Erfolgen gekrönt: Zwischen 2007 und 2017 holte der 1,95 Meter-Athlet mehrere Deutsche Meisterschaften und weitere Podiumsplatzierungen über die 400-Meter-Hürden, die 200 Meter und bei der 4 x 400-Meter-Staffel. 2011 schaffte er es zudem bis ins WM-Halbfinale in Südkorea und wurde 2012 Sechster bei den Europameisterschaften in Helsinki. Seit 2014 läuft der Halberstädter mit dem Adler auf der Brust auf. Über Leichtathletik-Bundestrainer Volker Beck, der einige Eintrachtler unter seinen Fittichen hatte, kam Fleischhauer in die Mainmetropole und wurde im Verein sofort herzlich aufgenommen. „Ich war überrascht, was die Eintracht für eine sportübergreifende Familie ist und wie jede Abteilung wertgeschätzt wird“, erzählt Fleischhauer von seinem Wechsel. „Das ist mit einer der Gründe, wieso ich auch nach meinem Umzug nach Berlin weiterhin Athlet von Eintracht Frankfurt bleibe.“

„Hier bin ich ein Leichtgewicht“

Als Adlerträger im Eistunnel nimmt Fleischhauer vieles aus der Leichtathletik mit und versucht seine Stärken auf die Bobbahn zu transferieren „Die Wettkampfsituationen und die athletischen Voraussetzungen aus der Leichtathletik machen sich beim Umstieg in den Bob auf jeden Fall bezahlt“, berichtet der 31-Jährige über seine ersten Erfahrungen im Bob und ergänzt lachend: „Während ich mit meinen knapp 100 Kilos auf 1,95 Metern in der Leichtathletik zu den schwereren Athleten gehöre, bin ich auf der Bobbahn schon fast ein Leichtgewicht.“ Doch was die Konkurrenz an Gewicht mehr in den Bob mitnimmt, gleicht Georg durch Wettkampferfahrung und Athletik aus. So blickt er mit einer erfolgreichen ersten Saison und vielen neuen Eindrücken im Rücken optimistisch und voller Vorfreude in die Zukunft: „Für mich geht es nach meiner Debütsaison darum, die Erfahrung zu nutzen, gezielt an mir zu arbeiten und mich optimal auf die Tests für die Teameinteilung im Herbst vorzubereiten.“ Dreimal müssen die Anschieber dafür aufs Eis und Gewichte auf Zeit anschieben. Die Schnellsten werden dann in die Teams für die Saison eingeteilt. Georgs Ziel hierfür ist klar: Die Einteilung in ein Weltcup-Team sicherstellen und somit die Chance, sich in der kommenden Saison für die olympischen Spiele zu qualifizieren.

Doch neben dem Bobtraining hat er auch die Lust auf Leichtathletik-Wettkämpfe nicht verloren und ging in der Sommersaison einige Male als Eintrachtler auf die Tartanbahn, verbesserte sogar seine Bestzeit über 110m Hürden und wurde damit Dritter bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig. So unterschiedlich die beiden Sportarten auch sind, so sehr kommt es dennoch auf ähnliche Parameter an: ein explosiver Start, eine gute Höchstgeschwindigkeit und mit der schnellsten Zeit ins Ziel kommen. Für Georg Fleischhauer hat der Weg als Anschieber im Bobsport erst angefangen, doch wenn seine Karriere hier ähnlich verläuft wie in der Leichtathletik, könnten seiner erfolgreichen Debütsaison weitere Höchstleistungen folgen. Und mit viel Arbeit und dem Quäntchen Glück sehen wir bald einen Bobfahrer in der Weltspitze, der unter seinem windschnittigen Anzug auch weiterhin den Adler auf der Brust trägt.

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